Mein Inneres Kind begegnet Deinem Inneren Kind.

Quelle: Das Kind in dir muss Heimat finden – Stefanie Stahl

Kennen Sie die Situation:

Sie haben eine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem Partner bzw. Ihrer Partnerin, dem oder der Vorgesetzten oder mit einer Kollegin/einem Kollegen. Sie beginnen den Dialog noch friedlich – jedoch bereits beim geringsten Widerstand Ihres Gegenübers läuft das Gespräch aus dem Ruder.
Es werden alle möglichen „Schubladen“ aufgemacht und plötzlich diskutieren Sie über vergangene Situationen die vor Tagen, Wochen, Monaten oder gar Jahren stattgefunden haben. Die Wortwahl wird vorwurfsvoll, das Ziel hat sich völlig verändert, denn inzwischen ist aus der Meinungsverschiedenheit ein emotionaler Schlagabtausch geworden und Sie wollen den Anderen treffen oder gar verletzen aber letztendlich vor allem RECHT bekommen.

Zurück bleibt das Gefühl der Hilflosigkeit, der Frustration oder des Ärgers. Die Verbindung zum Gegenüber ist unterbrochen und die Scherben liegen überall.

Diese ungelöste Auseinandersetzung birgt Gefahren und sorgt für weitere Spannung, denn wir beginnen bestimmte Themen der scheinbaren Harmonie halber zu vermeiden – daraus entstehen Tabus. Die „Konfliktkiste“ wird wieder aufgefüllt und wartet mehr oder weniger geduldig bis zum nächsten Disput auf ihre Befreiung.

In einem Konflikt stellen sich häufig Fragen wie: Wer hat Recht und wer hat Schuld? Schuld ist ein Thema, welches uns seit unserer Kindheit begleitet. Wir verbringen viel Zeit mit der Suche nach der „Schuld“ und dem „Schuldigen“. Wir diskutieren über die Wahrnehmung einer Situation und gelangen nicht an die Wurzel des Problems: nämlich das unerfüllte Bedürfnis.

Warum aber ist es so schwer in konflikthaften Situationen sachlich zu bleiben?

Schauen wir uns die folgenden Szenen an:

Szene: Peter und Amelie

Peter kommt müde von der Arbeit nach Hause, ist wortkarg und wenig gesprächig. Amelie fragt nach, möchte wissen was passiert ist und bietet ihre Hilfe an. Peter will jedoch nicht darüber reden, denn er möchte die Arbeit und den Stress hinter sich lassen.

Amelie denkt: Er vertraut mir nicht. Da ich gerade „nur“ Hausfrau bin, meint er ich sei dumm!

Szene: Steffi und Paul

Steffi wollte die Familie überraschen und hat Tickets für das Musical König der Löwen in Hamburg besorgt. Auch ein Hotel ist bereits reserviert und ein schönes, abwechslungsreiches Wochenende mit der Familie ist geplant.
Paul zeigt aber nicht die erhoffte Reaktion. Er beschwert sich, dass die gebuchten Plätze nicht gut sein können, da diese viel zu billig seien. Steffi ist enttäuscht dass Paul keine Freude zeigt oder sich bedankt.
Steffi denkt: „Egal was ich tue, es ist nie gut genug für dich!“

Was wiederholt sich in beiden Situationen?

Die Verhaltensweisen von Peter und Paul werden von Amelie und Steffi interpretiert und die Verbindung wird sofort unterbrochen.
Interessanterweise sie interpretieren auch nicht in Hinblick auf ihre Partner, sondern aus sich heraus und erfinden dadurch Aussagen ihrer Partner, die diese objektiv gar nicht gemacht haben. Trotzdem sind sie von der Richtigkeit dieser Aussagen überzeugt. Was also hat Amelie und Steffi bei ihren „unsachlichen“ und „schuldbewussten“ Interpretationen geleitet?

Es ist das innere Kind!

In uns wohnt ein kleines Kind, das sehr lebendig ist. Dieses Kind hat in der Vergangenheit viel gelernt, denn es musste mit den unterschiedlichen Herausforderungen in der Kindheit zurechtkommen.
Es hat sich verschiedene Schutzstrategien angeeignet, um seine Ziele zu erreichen und zu „überleben“.

Diese für das Kind sinnvollen Schutzstrategien bleiben in unserem Unterbewusstsein auch als Erwachsene erhalten und kommen oft schneller an die Oberfläche als wir dies erwarten bzw. kontrollieren können.

Die Schutzstrategien

Schutzstrategien sind unbewusste, fast automatisierte Handlungen, welche wir als Kinder gelernt haben um mit bestimmten, oft auch schmerzlichen Situationen umgehen zu können.

Ein Beispiel

Das Kind in uns weiß ganz genau, was es tun soll um Liebe zu bekommen, nämlich brav und anpassungsfähig zu sein. Wut, Ärger aber auch Enttäuschung oder Furcht „schluckt“ es runter und es ist ein Meister in der Kunst, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Vielleicht hat es auch gelernt Konflikte zu vermeiden. Es hat gelernt zu lügen, weil das oft eventuell die bessere Möglichkeit war als die Verantwortung für die eigenen Gefühle, Bedürfnisse, Entscheidungen oder das eigene Handeln zu übernehmen. Manche Kinder haben gelernt, sich hinter großen und dicken Mauern zu verstecken, denn keiner soll wissen wie es in ihm aussieht. Es zeigt keine Schwäche, nach dem Motto: Ein Indianer kennt keinen Schmerz!

Viele Kinder haben die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass Fehler zu machen mit Strafe verbunden ist. Also machen sie keine Fehler, es sind immer die anderen. Einige Kinder wiederum haben gelernt, dass Angriff die beste Verteidigung ist, also lassen sie den Anderen erst gar nicht zu Wort kommen.

Im Erwachsenenalter bedeutet dies, dass man Schwierigkeiten damit hat Verantwortung für eigene Handlungen und Entscheidungen zu übernehmen.

Als weitere Schutzstrategien kommen noch das Verdrängen, Schönreden, Ablenkung, Sucht, Perfektionsstreben und Schönheitswahn, Opferdenken, Vermeidung, Hilflosigkeit, Kind-bleiben, Intellektualisieren, Kontrollstreben, Klammern u.a. hinzu. Das Kind musste „überleben“ und hat das Beste getan um dies zu erreichen.

Egal welche Schutzstrategien wir uns angeeignet haben – sie begleiten uns in unser erwachsenes Leben, werden nur allzu oft unbewusst eingesetzt und beeinflussen unsere zwischenmenschlichen Beziehungen.

In engem Zusammenhang mit Schutzstrategien stehen Glaubenssätze. Glaubenssätze können grob als plakative Ausformulierungen der Schutzstrategien angesehen werden. Jede Schutzstrategie entwickelt die zu ihr passenden Glaubenssätze.

Die Glaubenssätze

Ein Glaubenssatz ist eine Überzeugung welche aus einer einmal oder auch häufiger erlebten Situation in der Kindheit entstanden ist.

Zum Beispiel:

  • Papa/Mama schenkt mir keine Aufmerksamkeit. Mein Glaubenssatz: „Ich bin nicht wichtig“
  • Papa/Mama korrigiert mich immer wieder. Mein Glaubenssatz:“Ich bin nicht ok!“
  • Papa und Mama streiten sich ständig. Mein Glaubenssatz: „Ich bin ohnmächtig!“

Solche Glaubenssätze werden in unsere Seele gleichsam eingebrannt und beeinflussen unsere Entwicklung und Sichtweise im Erwachsenenalter.
Einige Glaubenssätze welche unser Leben unbewusst beeinflussen:

Du schaffst es nicht! Du bist nicht gut genug! Du bist eine Last! Das darfst du nicht! Sei bescheiden! Geld ist schmutzig! Konflikte sind schlecht! Sich selbst zu lieben ist egoistisch! Frauen sind gemein! Männer sind böse! Ich muss perfekt sein! Ich darf dich nicht enttäuschen! Usw.

Einige diese Schutzstrategien und Glaubessätze kommen auch in den beiden Beispielszenen vor.

Bei Peter und Amelie:

Amelie: „Peter liebt mich nicht, er vertraut mir nicht. Ich bin ohnmächtig!“
Peter:“ Ich darf keine Schwäche zeigen – ich mache alles am besten mit mir alleine aus.“

Bei Steffi und Paul:

Steffi: „Nie mache ich etwas richtig!“
Paul: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Wenn es schief läuft werde ich bestraft.

Das Kind in uns will gesehen werden. Es will Entspannung und Sicherheit und wir – die Erwachsenen – sind dafür zuständig.

Wenn Sie sich in einer Konfliktsituation beobachten, welche Schutzstrategien benutzen Sie? Welche Glaubenssätze sind in Ihnen lebendig?

Egal welche Schutzstrategien oder Glaubenssätze Sie benutzen, Sie können diese jederzeit verändern. Wollen Sie es tun?

Nehmen sie sich bitte Zeit für diese drei Übungen:

Bitte arbeiten Sie jeweils mit Papier und Stift.

1 – Begegnung mit Ihrem inneren Kind

Suchen Sie ein Foto von sich als Kind und nehmen Sie Kontakt zu Ihrem Inneren Kind auf:

Schließen Sie die Augen und fokussieren Sie das Kind, das Sie einstmals waren. Mit großen neugierigen Augen und voller Vertrauen. Beobachten Sie dieses Kind eine Weile: Wie ist es angezogen? Was tut es gerade? Wie fühlt es sich?

Nähern Sie sich langsam dem Kind und spielen Sie mit ihm – versuchen Sie ihm in die Augen zu sehen. Sobald das Kind Augenkontakt mit Ihnen hat, öffnen Sie ihr Herz und senden Sie diesem Kind all Ihre Liebe. Ohne Erwartungen, ohne Zwang. Schenken Sie einfach Ihre Liebe und beobachten Sie wie das Kind reagiert. Wenn es möglich ist, öffnen Sie die Arme und lassen Sie das Kind zu sich kommen. Schenken Sie dem Kind eine liebevolle und innige Umarmung.

Notiz: Manchmal braucht das Kind in uns einfach Zeit, wieder Vertrauen zu haben – also, wiederholen Sie diese Übung immer wieder und beobachten Sie was sich verändert.

2 – Lassen Sie uns analysieren, was mit Ihnen in einer Konfliktsituation passiert:

  • Was höre ich von meinem Gegenüber?
  • Was ist das, was mich gestört hat? Der (Unter-)Ton? Habe ich eine Kritik an mir gehört?
  • Wann habe ich dies in meiner Kindheit schon mal erlebt? Mit wem? Mama/Papa?
  • Welcher Glaubenssatz wird dadurch in mir lebendig? ….“Ich mache immer alles falsch!“ „Ich bin nicht gut genug!“ „ Ich muss perfekt sein!“
    “Du schaffst das nie!“
  • Was können Sie Ihrem Kind jetzt sagen? Wie können Sie Ihrem Kind zeigen, dass es vollkommen in Ordnung ist, so wie es ist?

3 – Gehen Sie nochmals zu dem Kind, welches Sie waren – holen Sie das Bild vor Ihr inneres Auge und sagen Sie diesem Kind was Sie aufgeschrieben haben (Übung 5).

Beobachten Sie was passiert. Manchmal möchte das Kind es öfters hören, denn es ist nicht daran gewohnt plötzlich „in Ordnung“ zu sein.

Wenn Sie In einer zukünftigen Konfliktsituation merken, dass das Gespräch unreflektiert und emotional wird, unterbrechen Sie den Dialog, bitten Sie Ihr Gegenüber um eine Pause, machen Sie die Übung und nehmen Sie nach ein paar Stunden oder am nächsten Tag das Gespräch wieder auf. Wenn es Ihnen gelingt in die Selbstliebe zu kommen, werden Sie Empathie auch für Ihr Gegenüber aufbringen können, weil nämlich auch in ihm oder ihr ein „Inneres Kind“ steckt.

Quelle: Das Kind in dir muss Heimat finden – Stefanie Stahl

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